Riten und Rituale – Die dritte Fessel

Die dritte Fessel beschreibt das Hängen an Regeln, Riten und Ritualen. Nicht das Ritual selbst ist das Problem. Interessant ist, wie wir uns mit dem identifizieren, was wir tun und nicht tun – und wie dies die Annahme eines eigenständigen Selbst stützt.

Serie: Die ersten drei Fesseln des Stromeintritts

Die dritte der 10 Fesseln ist das Hängen an Regeln, Riten und Ritualen.

Dabei geht es nicht darum, dass Meditation, Gebete, Yoga oder andere Rituale ein Problem wären.

Die dritte Fessel beschreibt, wie wir uns mit dem identifizieren, was wir tun und nicht tun – und wie dies die Annahme eines eigenständigen Selbst stützt.

Die ersten drei Fesseln des Stromeintritts

  1. Das Selbst – Die erste Fessel
  2. Zweifelsucht – Die zweite Fessel
  3. Riten und Rituale – Die dritte Fessel

Buddha nannte die dritte Fessel sīlabbata-parāmāsa – Hängen an Regeln und Riten.

Die ersten drei Fesseln – das Selbst, Zweifelsucht und Hängen an Riten – bilden gemeinsam die Grundlage des Stromeintritts.


Hier findest du eine ausführliche Übersicht und den Einstieg in die Untersuchung der Ich Illusion:

🔹 Die Ich-Illusion durchschauen


Was sind Riten und Rituale?

Zu Buddhas Lebzeiten hatten die Menschen viele Regeln und Rituale.

Sie glaubten, dass sie das Wohlwollen der Götter bekämen, wenn sie sich exakt an diese Vorschriften hielten.

Davon erhofften sie sich ein besseres Leben und dass sie nach dem Tod von den Göttern aufgenommen würden.

Wir kennen solche Riten auch heute noch.

Es sind zum Beispiel Gottesdienste, kultische Handlungen, die Feier religiöser Feste, das Sprechen von Gebeten oder Mantras, bestimmte Tänze und Gesänge.

Auch Orakelbefragungen, Beschwörungen, rituelle Waschungen, Beschneidungen und Ähnliches zählen dazu.

Aber Rituale finden wir nicht nur in Religionen.

Auch Morgen- und Abendroutinen, Meditation oder Yogapraxis können Rituale sein.

Sīlabbata-parāmāsa bezeichnet den Glauben, allein durch gute Taten oder Tugenden, das Einhalten von Geboten und bestimmte Rituale Befreiung erlangen zu können.

Die dritte Fessel wird nicht eigenständig durchgearbeitet.

Sie fällt mit dem Durchschauen der ersten Fessel.

Denn ohne ein angenommenes Selbst gibt es niemanden mehr, der durch Rituale erlöst werden könnte.

Hängen an Regeln und Riten

In der dritten Fessel erkennen wir, wie sehr wir mit unseren Ritualen identifiziert sind.

Durch unsere Vorlieben und Abneigungen – die vierte und fünfte Fessel – haben wir eine eigene Art entwickelt, durch unser Leben zu gehen.

Wir fühlen uns von manchem abgestoßen und zu anderem hingezogen.

Das betrifft auch unsere spirituelle Praxis.

Und die weltlichen Rituale, die wir pflegen.

Wir nutzen sie als Bestätigung dafür, dass wir so sind, wie wir glauben zu sein:

Das mache ichDas mache ich nicht

Die dritte Fessel und unsere Identität

Die Regeln, nach denen wir leben, sind eine starke Kraft.

Selbst wenn wir das im Alltag vielleicht gar nicht bemerken.

Etwas an uns reagiert auf bestimmte Tugenden und Rituale.

Manche sprechen uns an.

Andere nicht.

Das eine fühlt sich richtig an.

Das andere nicht.

Wir definieren uns darüber.

Wir erfahren, wer wir sind.

So entwickelt sich eine eigene Art, durch das Leben zu gehen.

So erleben wir uns als individuell, unabhängig und frei.

Riten und Rituale erfüllen dabei einen bestimmten Zweck:

Sie stützen die Annahme, es gäbe das Selbst.

Denn wir kommen zu dem Schluss, dass all unsere Vorlieben und Abneigungen, unsere Tugenden und Moralvorstellungen jemandem gehören.

Dass es jemanden gibt, der die Rituale ausführt.

Jemanden, der das eine mag.

Und das andere nicht.

Jemanden, der unsere Vorlieben und Abneigungen steuert und kontrolliert.

Dies führt direkt zur ersten Fessel, wo wir eine Linie ziehen:

Das bin ichDas bin ich nicht

Mehr dazu findest du hier:

🔹 Das Selbst – Die erste Fessel


Wer bin ich wirklich?

Die genauere Untersuchung unserer Riten und Rituale führt manchmal dazu, dass wir herausfinden wollen, „wer wir wirklich sind“.

Wir schauen, was wir mögen und womit wir uns gut fühlen.

Und dann machen wir, was wir wollen – und schieben weg, was wir nicht wollen.

Dies verstärkt allerdings die Ich-Illusion.

Denn so ist sie entstanden.

Und so trägt unser geliebtes Ritual dazu bei, dass das Selbst gestärkt wird.

Obwohl das Ritual an sich gar kein Problem ist.

Natürlich können wir meditieren, Yoga üben, beten oder unserer Morgenroutine nachgehen.

Die Frage ist, ob wir das einfach gerne tun.

Oder ob wir uns darüber definieren.

Und damit unsere Annahme bestärken, eine unabhängige und einzigartige Person zu sein.

Was fällt mit der dritten Fessel weg?

Mit dem Durchschauen der ersten Fessel fällt auch das Hängen an Regeln und Riten.

Wir erkennen, dass es nie eine Person gab, die durch die Rituale gestärkt wurde.

Meditation kann weiterhin stattfinden.

Yoga kann weiterhin stattfinden.

Ein Gebet kann gesprochen werden.

Der Kaffee kann morgens weiterhin auf genau dieselbe Weise gekocht werden.

Das Ritual muss nicht verschwinden.

Die Annahme, dass ich mich durch eine bestimmte Praxis entwickeln, wachsen oder erwachen könnte, stellt sich als Irrtum heraus.

Die Überwindung der ersten drei Fesseln ist die Frucht des Stromeintritts (Sotāpanna).


Weiterführend

Die zehn Fesseln

Wenn du die Struktur aller zehn Fesseln im Zusammenhang verstehen möchtest, lies hier weiter:
🔹 Durch die 10 Fesseln zum Erwachen

Ich Illusion

Zur praktischen Untersuchung dieser Annahme:

🔹 Ich-Illusion untersuchen


Das Selbst – Erste Fessel

Wenn dich das anspricht, kannst du auf verschiedene Weisen weiterschauen:

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