Mein Shift: Als ich erkannte, dass es kein Ich gibt

Im Herbst 2017 durchschaute ich die Ich-Illusion.
Dies ist die Geschichte dieser Untersuchung.
Sie beschreibt den Weg vom ersten Zweifel bis zu dem Moment, in dem klar wurde:
Das Ich, das ich mein ganzes Leben für selbstverständlich gehalten hatte, existiert nicht.

Gibt es ein Ich, das denkt, erlebt, wählt, entscheidet, handelt?

Früher hätte ich geantwortet: „Klar, gibt es das. Ich bin das! Ich denke, ich entscheide, ich handel!“

Ich bin es, die meinen Körper lenkt! Ich bin die Bestimmerin, die sagt, wo es lang geht! Die oberste Entscheidungszentrale. Die Pilotin. 

Aber dann passierte etwas, was mein Ich aus der Bahn warf. Ich schaute etwas genauer hin. 

Und nur eine kleine Beobachtung brachte alles ins Wanken.

🔹 Grundlage zur ersten Fessel: Die Ich-Illusion durchschauen

Wer kontrolliert eigentlich den Körper?

Halte eine Hand mit der Handfläche nach oben vor dich von. Dann drehe die Handfläche nach unten – und wieder zurück. Mache das weiter und pass auf wie ein Adler: Gibt es irgendwen oder irgendetwas, das den Befehl zum Handumdrehen gibt und bewirkt, dass es geschieht, etwas, was die Bewegung kontrolliert?

Es liegt nahe, diese Sache nicht zu machen. Denn die Antwort liegt auf der Hand: Ich. Ich gebe den Befehl zum Handumdrehen. Ich kontrolliere die Bewegung. Ich doch ganz klar! 

Bisher ging ich einfach davon aus, dass das so ist. Diese Annahme habe ich noch nie in Frage gestellt. 

Aber gut, ich kann es ja mal versuchen.

Ich habe diese Sache mit der Hand immer und immer wieder gemacht und habe versucht dahinter zu kommen. Ich habe alles an meinem Körper immer wieder mal beobachtet. Es ist unheimlich. 

Der Körper macht eigentlich was er will. Ich sage ihm: Drehe die Hand. Und dann dreht sich die Hand. Oder sie dreht sich nicht. Oder sie dreht sich, ohne dass ich irgendetwas gemacht oder gesagt hätte. 

Überhaupt läuft alles so ab. Ich kann nichts kontrollieren. Es atmet alleine. Das Herz schlägt von alleine. Es läuft sich von alleine. 

Wenn ich den Versuch unternehme davon etwas zu kontrollieren, geht eher plötzlich alles schlechter, langsamer. Würde ich den Körper kontrollieren können, würde er wahrscheinlich nicht mehr funktionieren. Ich kann gar nicht alles auf einmal „am Laufen halten“. Es läuft also alles ganz automatisch ab. Ohne dass ich jemanden, auch nicht mich, oder etwas finde, das das Ganze kontrolliert.

Ich bin also nicht die, die kontrolliert und handelt. 

Aber sicher bin ich die, die denkt! 

Okay, schaue ich mir das mal genauer an.

Bin ich die, die denkt?

Ich setze mich hin. Ein Gedanke kommt. Keine Ahnung, wo der her kommt. Er ist plötzlich einfach da. Dann verschwindet er. Und ein neuer Gedanke kommt. Ich kann nicht erraten, welcher Gedanke als nächstes kommt. Ich habe darauf auch überhaupt keinen Einfluss. Auch die Gedanken machen einfach was sie wollen. Die Gedanken stammen nicht von mir. Ich bin nicht die, die denkt! Hui, ist das unheimlich.

Aber sicher bin ich die, die erlebt. Die sieht, die hört, die riecht. 

Bin ich die, die erlebt?

Ich setze mich ins Gras und höre ein Geräusch. Ich entdecke die Grille, die das Geräusch macht. Die Grille kann ich sehen, das Geräusch kann ich hören. Aber wo ist das Ich, das hört? Erleben kann ich nur hören und sehen. Aber wo ist die, die erlebt?

Die sitzt doch da im Gras neben der Grille!

Aha, ich bin also der Körper!

Die Suche wird unheimlich

Wenn ich das Wort „Körper“ denke, erscheint vor meinem inneren Auge eine Gestalt, die meinen Spiegelbild ähnelt, aber nicht so konkret. Meinen, oder den Körper spüre ich dabei nicht. Nur hier und dort einen leichten Druck, oder eine Bewegung – Spannung, Entspannung.

Interessant, sobald ich die Augen schließe kann ich nicht sagen, wie groß mein Körper ist. Ob er überhaupt eine bestimmte Form hat. Ich kann nicht sagen, wo mein Körper aufhört und der Fußboden anfängt. Ich spüre meine Zehen nicht. 

Wenn ich auf das Ich zeige, landet mein Finger auf meinem Brustbein. 

Aber ich spüre dort nur eine Bewegung. Auf und Ab. Manchmal einen leichten Druck. Und Wärme. Das ist alles.

Nichts von dem was ich dort spüre ist für mich ein Beweis für das Ich (mich).

Wenn ich denke „Ich, Steffi“ taucht nirgends ein Gefühl auf. Gar nichts taucht auf.

Ich habe trotzdem mal überall im Körper geschaut.

Ich spüre hier und da ein Kribbeln, vor allem in den Füßen und Fingern. Druck, Spannung und Entspannung. Bewegung, Wind in der Nase, hinter den Ohren spüre ich Wärme, Anspannung im Nacken, manche Stellen spüre ich gar nicht wirklich. Im Kopf ist ein Pulsieren und irgendwie ist auch eine große Leere zu spüren. Das ist irgendwie alles, was ich spüre.

Ob da irgendwo das Ich ist? Je mehr ich danach suche, je weniger weiß ich wonach ich suchen soll… nein, es ist schlimmer. 

Irgendwie versuchen meine Gedanken mich von der Suche abzuhalten. Einerseits habe ich außer Körperempfindungen nichts gefunden, aber dann habe ich plötzlich „vergessen“, was das Ich überhaupt ist. Ist das Ich nicht vielleicht das Kribbeln in den Fingern… oder der Atem… ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. 

Kennst du diesen kurzen Moment der Panik, wenn man draußen vor der Tür steht und seinen Schlüssel nicht finden kann?

Dass ich nichts finden kann, was ich als Ich bezeichnen könnte, verunsichert mich sehr. Ich habe fest angenommen, dass es da etwas gibt. Und nun kann ich nichts finden.

Ich muss noch mehr darüber herausfinden, um überzeugt zu sein, dass es kein Ich gibt.

Wer geht eigentlich?

Ich stehe auf. Gehe 5 Schritte in die eine und dann 5 Schritte in die andere Richtung. Wer geht da eigentlich? Wer koordiniert das alles? Wer hebt die Beine und setzt sie wieder ab? Wer entscheidet, sich links oder rechts herum zu drehen?

Oh man, das gibt´s doch gar nicht! Niemand koordiniert oder entscheidet. Es passiert einfach. Ganz von alleine. Ich mache jedenfalls nichts davon.

Ich bin nicht der Körper und ich bewege ihn auch nicht.

Dann bin ich die, die erlebt?

Gedanken beschreiben nur

Ich schaue mich um. Beim Blick durch das Autofenster ziehen alle möglichen Bilder vorbei. Ich bemerke, wie sie in Gedanken alle benannt werden. Regentropfen, die an der Windschutzscheibe hinunterrinnen. Straßenschilder, die vorbeifliegen. Rote, blaue und weiße Autos, die mich überholen. Die roten Rücklichter vor mir. Grüne Bäume und Wiesen. Der graue Himmel mit den dunklen Wolken.

Nun versuche ich die Benennung der Dinge wegzulassen. Jetzt sehe ich eigentlich nur noch Linien. Von sehr kurz bis unendlich lang. Mal breit, mal schmal. Gerade, geschwungen, gebogen. Manche so miteinander verbunden, dass sie Flächen ergeben. Manche heben sich kaum von der Umgebung ab. Andere leuchten. Oder sie bilden einen starken Kontrast zum Drumherum. Alles ist ausgefüllt von einem Dröhnen. Das überlagert wird von einem tieferen Dröhnen. Ich höre ein Klappern. Nicht rhythmisch. Hell. Mal lauter, mal leiser. In meinen Beinen spüre ich ein Kribbeln. Manchmal auch in den Füßen. Hin und wieder hüpft mein Körper im Sitz. Bewegt sich hin und her. Unter meiner Hand spüre ich hin und wieder etwas sehr weiches, warmes. Meine Hand bewegt sich sanft darüber. Ich schmecke etwas sehr süßes. Es fühlt sich fest, aber auch weich an. Ich höre ein Knacken.

Wow, das fühlt sich irgendwie ganz anders an. Alles, was ich wahrnehme ist irgendwie schon da. Alles, was passiert, passiert von alleine. Ohne, dass ich irgendwas tun müsste. Mein Ich ist auch nicht „da draußen“. Ich finde es nicht in der materiellen Welt. Nicht außerhalb meines Körpers. Drinnen aber auch nicht. Jedenfalls nicht mit den 5 Sinnen. Da sind nur Gedanken, in denen ein Ich vorkommt.

Ich gehe eine Straße entlang und nehme alles mögliche wahr. Ganz ohne irgendwelche Gedanken. Dann plötzlich kommt der Gedanke „ich gehe“, „ich gehe die Straße entlang“, „ich sehe ein rotes Schild“, „ich sehe ein Stopp-Schild“. 

Dieser Gedanke „ich sehe“ kann das Sehen weder machen, noch beenden. Es wird einfach gesehen. Immer. Gedanken scheinen den Job zu haben, alles was gesehen wird zu beschreiben. In Worte zu fassen, damit es sagbar ist. Aber sie machen es immer erst hinterher. 

Sie beschreiben alles was passiert, passiert ist und vielleicht passieren wird. Sie machen aus dem Erlebten Worte. Das Erlebte ist aber auch ohne Gedanken da. Es braucht keine Worte.

Klick

Aber was ist mit dem Wort Ich gemeint? Wenn gehen auch ohne Ich geht. Wozu dann das Wort Ich? Auf was zeigt es? Ich weiß nicht mehr, wer oder was damit gemeint ist. Wenn ich den im Spiegel sehe, denken die Gedanken, das bin ich. Aber was ich sehe, ist kein Ich, das lenkt und steuert, denkt oder fühlt. Was ist das Ich?

Wer oder was denkt über das alles nach. Wer oder Was sucht überall nach dem Ich? Wer oder Was schreibt hier gerade? Ja, wer oder was sucht sich selbst…

Klick

Es gibt keine Einheit, die schaut, nachdenkt und beobachtet. Nachdenken und beobachten geschieht einfach, also ganz ohne Absicht oder jemanden der es macht.

Es gibt kein Ich, das denkt, lenkt, die Kontrolle hat, entscheidet, das tatsächlich existiert. Es ist nur ein Gedanke. Eine Erfindung.

Wow.

Ich bin gerade in Griechenland und laufe durch das seichte Wasser einer kleinen Bucht. Wenn ich etwas sehe, denke ich: Farbe-Bild. Wenn ich etwas höre: Geräusch. Wenn ich etwas berühre: Berührung. Wenn ich etwas rieche oder schmecke: Geruch, Geschmack. Wenn ich etwas denke: Gedanke.
Und ich schaue, ob ein Ich unter den Dingen ist, die ich erlebe.

Nach einer Weile wird es ruhig. Die Gedanken kommen zur Ruhe und werden immer weniger. Die Gedanken setzen durch das ständige Benennen und Bewerten alles was erlebt wird in einen Kontext. Und der ist irgendwann einfach weg. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, aber wahrscheinlich sind es nur ein paar Minuten, da gibt es keinen Ort mehr und keine Zeit. Mein Körper ist nicht mehr zu spüren. Da sind nur noch Geräusche da und Farben… Es ist wie eine andere Welt. In der alles weg ist, aber auch nichts fehlt. Es ist nur kurz. Irgendein Ereignis beendet es.  Ob da ein Ich unter den Dingen war? Da waren gar keine Dinge…

Nochmal Wow.

Danach

Ich habe dies noch ein paar Mal wiederholt. Es ist mir aber nicht gelungen.

Bis ich gecheckt habe, dass gar nichts gemacht werden muss. Es ist immer da. Man sieht es oft nur nicht. Immer wenn ein Gedanke geht und bevor ein neuer Gedanke kommt, kann es gesehen werden. Wie eine automatische Schiebetür, die auf und zu geht. Und wenn sie auf ist, sieht man was dahinter ist. Oder spürt man es vielmehr. Oft ist es nur ein ganz kurzer Moment. Dann kommt ein neuer Gedanke und weg. So ist es manchmal kaum oder gar nicht zu spüren. Manchmal aber, dauert der Moment etwas länger.

Und dann ist es so, dass da nur noch sehen, hören, spüren, riechen und schmecken ist. Kein Ort und auch keine Zeit. Sogar der Begriff Jetzt trifft es eigentlich nicht, kommt dem aber am nächsten. Der nächste Gedanke und man ist wieder an einem Ort, zu einer bestimmten Zeit. Ohne Gedanken gibt es das alles nicht. Kein eben, kein gleich. Kein gut oder schlecht.

Es gibt kein Ich.

Ich bin 100% sicher und habe keine Zweifel mehr.


🔹 Grundlage zur ersten Fessel: Die Ich-Illusion durchschauen


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