Was bedeutet Stromeintritt? Im Buddhismus bezeichnet er das Fallen der ersten drei Fesseln: Selbst, Zweifelsucht und Hängen an Regeln und Ritualen.
Dieser Artikel erklärt einen Aspekt der ersten drei Fesseln. Die gesamte Übersicht findest du hier: Die Ich-Illusion durchschauen
Was bedeutet eigentlich Stromeintritt?
Was tritt da in einen Strom ein?
Und woran lässt sich erkennen, ob das geschehen ist?
Der Begriff Stromeintritt kommt aus dem Buddhismus. Er bezeichnet die erste von vier Stufen des Erwachens.
Stromeintritt bedeutet, dass die ersten drei der zehn Fesseln gefallen sind.
Diese Fesseln sind keine Dinge, die beseitigt werden müssen. Es sind grundlegende Annahmen darüber, wie wir selbst und unsere Erfahrung funktionieren.
Was bedeutet Stromeintritt im Buddhismus?
Der Pali-Begriff für Stromeintritt ist sotāpatti. Ein Mensch, der in den Strom eingetreten ist, wird sotāpanna genannt.
Mit dem „Strom“ ist traditionell der Weg gemeint, der zu Nibbāna, der vollständigen Befreiung, führt.
Im frühen Buddhismus werden vier Stufen unterschieden:
- Stromeintritt
- Einmalwiederkehr
- Nichtwiederkehr
- Arahantschaft
Der Stromeintritt ist also nicht das Ende des Weges.
Er ist der Anfang.
Beim Stromeintritt fallen die ersten drei Fesseln.
Die ersten drei Fesseln
1. Die Annahme eines Selbst
Die erste Fessel wird häufig als Persönlichkeitsansicht oder Selbstidentifikationsansicht übersetzt.
Da scheint jemand zu sein, der sieht, hört, denkt, entscheidet und handelt.
Ich.
Das fühlt sich zunächst so selbstverständlich an, dass fast niemand auf die Idee kommt, diese Annahme überhaupt zu überprüfen.
Doch lässt sich dieses Ich tatsächlich finden?
Wer entscheidet, welcher Gedanke als Nächstes auftaucht?
Wer hört ein Geräusch?
Wer bewegt die Hand?
Auf Stromeintritt untersuchen wir diese Annahme als Ich-Illusion.
Mehr zur ersten Fessel findest du hier: Das Selbst – die erste Fessel.
2. Zweifelsucht
Die zweite Fessel wird meist als skeptischer Zweifel übersetzt.
Damit ist nicht gemeint, dass nach dem Stromeintritt nie wieder Zweifel auftauchen.
Du kannst weiterhin nicht wissen, ob du den Schlüssel auf dem Küchentisch liegen gelassen hast.
Die zweite Fessel ist grundlegender.
Es ist die Annahme, wir könnten etwas Wahres sehen und es trotzdem von uns fernhalten.
Wir können zweifeln.
Abwehren.
Bestreiten.
Eine andere Erklärung finden.
Das zeigt sich besonders dann, wenn etwas unserer bisherigen Vorstellung von uns selbst widerspricht.
Die zweite Fessel hängt damit unmittelbar mit der ersten zusammen.
Solange da jemand zu sein scheint, der eine bestimmte Person ist, kann dieser Jemand sich auch gegen das stellen, was nicht zu dieser Vorstellung passt.
Beim Durchschauen der Ich-Illusion fällt diese Annahme gemeinsam mit der ersten Fessel.
Mehr dazu: Zweifelsucht – die zweite Fessel.
3. Festhalten an Regeln und Ritualen
Die dritte Fessel wird meist als Festhalten an Regeln, Riten oder Ritualen übersetzt.
Dabei geht es nicht darum, dass Meditation, Yoga, Gebete oder andere Rituale ein Problem wären.
Interessant ist, was wir daraus über uns ableiten.
Das mache ich.
Das mache ich nicht.
Das passt zu mir.
Das passt nicht zu mir.
Unsere Regeln, Gewohnheiten, Vorlieben und Rituale tragen so zu der Vorstellung bei, eine ganz bestimmte Person zu sein.
Da scheint jemand zu sein, der meditiert.
Jemand, der bestimmte Dinge mag und andere ablehnt.
Jemand, der entscheidet, welche Regeln gelten und welche nicht.
Auch die Vorstellung, durch eine bestimmte Praxis etwas erreichen, sich entwickeln oder erwachen zu können, setzt diesen Jemand voraus.
Wird die Annahme eines eigenständigen Selbst durchschaut, fällt auch diese Grundlage weg.
Das Ritual selbst muss deshalb nicht verschwinden.
Meditation kann weiterhin stattfinden.
Der Kaffee kann morgens weiterhin auf genau dieselbe Weise gekocht werden.
Nur lässt sich niemand finden, der dadurch zu einer anderen Person werden könnte.
Mehr dazu: Riten und Rituale – die dritte Fessel.
Ist das Durchschauen der Ich-Illusion der Stromeintritt?
Ja.
Wenn die erste Fessel tatsächlich durchschaut wird, fallen auch die zweite und dritte Fessel.
Das ist der Stromeintritt.
Die drei Fesseln hängen unmittelbar zusammen.
Da ist zunächst die Annahme:
Das bin ich. Das bin ich nicht.
Da scheint jemand zu sein, der sich von anderem abgrenzen kann.
Der etwas Wahres abwehren kann.
Der bestimmte Dinge tut und andere nicht.
Der sich durch seine Vorlieben, Regeln und Gewohnheiten definiert.
Und der durch bestimmte Handlungen oder Praktiken etwas erreichen kann.
Wird dieser Jemand gesucht, lässt er sich nicht finden.
Dabei geht es nicht darum, den Satz „Es gibt kein Ich“ zu verstehen oder für richtig zu halten.
Das wäre wieder ein Gedanke.
Es geht darum, die Annahme direkt zu untersuchen.
Da ist ein Gedanke.
Habe ich entschieden, dass genau dieser Gedanke auftaucht?
Da ist ein Geräusch.
Gibt es neben dem Hören jemanden, der hört?
Die Hand dreht sich.
Kann ich jemanden finden, der diese Bewegung macht?
Was ist tatsächlich da?
Und was wird nur darüber gedacht?
Wenn du die erste Fessel genauer untersuchen möchtest, findest du hier den Einstieg: Die Ich-Illusion durchschauen.
Woran lässt sich Stromeintritt erkennen?
Das Durchschauen der Ich-Illusion ist kein besonderer Zustand.
Gedanken verschwinden nicht.
Gefühle verschwinden nicht.
Der Alltag geht weiter.
Es gibt weiterhin Entscheidungen, Handlungen und Reaktionen.
Der Unterschied liegt nicht darin, was geschieht.
Die Annahme darüber, wer das alles macht und erlebt, ist durchschaut.
Es kann einen deutlichen Shift geben.
Etwas, das vorher selbstverständlich erschien, wird plötzlich als Annahme erkannt.
Da war nie ein Ich, das die Gedanken gemacht hat.
Da war nie jemand, der das Hören erledigt hat.
Da war nie ein Kapitän, der den Körper gesteuert hat.
Und trotzdem funktioniert alles weiter.
Nach diesem ersten Sehen folgt häufig eine Zeit des Sinking In.
Im Alltag wird immer wieder geschaut.
Wer hat diese Entscheidung getroffen?
Wer hat gerade diesen Satz gesagt?
Wer hat die Hand nach der Kaffeetasse ausgestreckt?
Und wieder ist niemand zu finden.
Nicht, weil das Ich verschwunden wäre.
Sondern weil genauer gesehen wird, dass dort vorher schon keines zu finden war.
Mit der Zeit wird das selbstverständlich.
Was geschieht nach dem Stromeintritt?
Mit dem Stromeintritt ist die Untersuchung nicht abgeschlossen.
Die ersten drei Fesseln sind gefallen.
Sieben bleiben.
Und das kann im Alltag ziemlich deutlich werden.
Du willst etwas haben.
Du willst etwas nicht haben.
Jemand sagt etwas, und Ärger taucht auf.
Etwas läuft anders als erwartet, und der Körper reagiert.
Obwohl kein getrenntes Ich zu finden ist, sind Wunsch und Widerwillen weiterhin da.
Damit zeigen sich die vierte und fünfte Fessel.
Und wieder geht es nicht darum, etwas loszuwerden.
Die Frage ist:
Was geschieht eigentlich genau?
Damit beginnt die Untersuchung der vierten und fünften Fessel – Wunsch und Widerwillen.
Eine Übersicht über alle Fesseln und darüber, wie wir sie untersuchen, findest du hier:
Durch die 10 Fesseln zum Erwachen.
Wenn dich das anspricht, kannst du auf verschiedene Weisen weiterschauen:
- Starte mit dem kostenlosen Starter-Workbook zur Ich-Illusion
- Lies Durch die 10 Fesseln zum Erwachen oder Die Ich-Illusion durchschauen
- Schau in die Offene Gruppe, wenn du gemeinsam schauen möchtest
- Schreib mir, wenn du direkte Begleitung suchst
- Oder hinterlasse einen Kommentar, wenn du etwas teilen möchtest
Wenn du über neue Texte, Gruppen und Angebote informiert werden willst:
Trag dich hier in den Newsletter ein: